| |
Schlechte Traditionen bekämpfen
Sossenheim.
Ich als großer Bruder muss doch wissen, was für
meine Schwester gut ist", meint der Schüler der
Eduard-Spranger-Schule. ,Versetzt euch doch mal in die Lage
der Mädchen", entgegnet Fatma Bläser. Sie hat
die Unterdrückung, die viele muslimische Frauen innerhalb
von Familie und Gesellschaft täglich erfahren, erlebt
und ihre Lebensgeschichte in dem Buch Hennamond"
erzählt. Gestern war sie in der Haupt- und Realschule
zu Gast und hat sich der Diskussion mit Neunt- und Zehntklässlern
gestellt. Die wissen, wovon Fatma Bläser spricht, sind
doch die meisten von ihnen Moslems oder stammen aus türkischen
Familien - der Ausländeranteil liegt unter den SprangerSchülern
bei etwa 80 Prozent.
Nicht alle Türken zwangsverheiraten ihre Töchter
oder zwingen ihre Söhne zu Ehrenmorden. Aber es gibt
im Islam schlechte Traditionen, gegen die man ankämpfen
muss", sagt die Schriftstellerin. Sie selbst wäre
heute mit einem Mann verheiratet, den ihr Vater in der Türkei
für sie ausgesucht hatte, wenn sie sich dieser Hochzeit
nicht widersetzt hätte. Dass es dadurch zum Bruch mit
der Familie kam, war zwangsläufig. Mein Bruder
stand mit einer Pistole vor mir und wollte mich ermorden,
weil ich die Ehre der Familie beschmutzt hatte. Wenn nicht
die Polizei gekommen wäre, hätte er es wohl getan.
Das kann ich ihm bis heute nicht verzeihen." Dass die
Männer, die im Namen des Glaubens oder der Ehre Frauen
bevormunden und unterdrücken, selbst unter einem enormen
gesellschaftlichen Zwang stehen, auch das weiß Fatma
Bläser: ,Wenn ein türkisches Mädchen mit einem
Jungen spricht, ist ihr Bruder gezwungen, etwas dagegen zu
unternehmen, sonst fragen ihn seine Freunde, ob er kein Ehrgefühl
habe."
Ich habe zwar keine Schwester. Aber wenn ich eine hätte,
und sie würde mir sagen, dass sie keine Jungfrau wäre,
wüsste ich nicht, was ich mit ihr machen würde",
erklärt ein Schüler. Ist denn
ein Stück Haut, das ein Mädchen sogar beim Sport
verlieren kann, wichtiger als der Mensch?", fragt Fatma
Bläser, die es ebenso wie die Schülerinnen im Plenum
nicht einsehen will, dass für manche Moslems die Frau
auch heute noch weniger wert ist als der Mann. Die Autorin
weiter: Obwohl ich von Erlebnissen geschrieben habe,
die über 30 Jahre her sind, sagen mir noch heute Mädchen,
dass ich genauso über ihr Leben geschrieben hätte.
Es ist die Aufgabe eurer Generation, endlich einen Weg zu
einem menschlichen Miteinander zu finden."
Weil davon auch Lehrerin Lauterberg überzeugt ist, hatte
sie im Unterricht Ausschnitte aus dem Buch Hennamond"
gelesen und gefragt, was eigentlich Ehre und Toleranz sei.
Toleranz und Menschlichkeit ist wichtiger als alles
andere", will sie ihren Schülern vermitteln. (jöh)
*besten
Dank an den Schreiber.
|
|